Dem Schicksal auf der Spur
oder
Das Rätsel der Palmblattbibliotheken
von Annett & Thomas Ritter

Zeit ist nur ein Traum - denn es heißt nicht umsonst,
daß vier Milliarden Erdenjahre
nur ein Tag im Leben des Adi-Buddha sind.

Wer wünscht sich nicht ab und an einmal, in die Zukunft sehen zu können; einen Blick nur von dem zu erhaschen, was vor ihm liegt - sein Schicksal zu kennen, um besser für die Zukunft gewappnet zu sein?

Millionen Menschen lesen tagtäglich die Horoskope diverser Tageszeitungen, Astrologen und Kartenleger(innen) bieten zumeist für teures Geld ihre Dienste feil - und sie werden nicht zu knapp in Anspruch genommen. Jedoch bildet das Horoskop durchaus nicht die einzige Variante der Zukunftsschau. Es gibt noch andere Möglichkeiten, deren wohl vollkommenste und auch spektakulärste ausschließlich in Indien praktiziert wird: in den geheimnisumwobenen Palmblattbibliotheken, welche über den gesamten Subkontinent verstreut sind. Zwölf Palmblattbibliotheken sollen es sein, vier davon sind mehr oder weniger auch hier im Westen bekannt. Die Urschriften der dort archivierten Palmblätter wurden von einer Gruppe mythologisch anmutender Gestalten, den Rishis, verfaßt, die etwa 5000 v.Chr. gelebt haben sollen und deren bekannteste wohl eine Wesenheit namens Brighu war.

Von Brighu und den Taten der Rishis berichten uns das Mahabharata und das Srimad Baghavatam. „Sieben Heiligen Rishis“ wurde eine ganz außerordentlich große spirituelle Macht nachgerühmt. So war es ihnen unter anderem möglich, in der Akasha-Chronik - im Abendland wohl eher als „Weltgedächtnis“ bekannt - zu lesen, das heißt, sie konnten sich in einer (spirituellen) Position außerhalb dessen befinden, was wir unter Raum und Zeit verstehen, mithin dieses Kontinuum in seiner Gesamtheit also von außen betrachten.

Der Überlieferung zufolge nutzten Brighu und seine Gefährten ihre spirituellen Fähigkeiten unter anderem dazu, aus der Akasha-Chronik die Lebensläufe von mehreren Millionen Menschen zu lesen und schriftlich auf den getrockneten Blättern der Stechpalme zu fixieren. Das gesamte Leben dieser Menschen, von der Geburt bis zum genauen Zeitpunkt ihres Todes, wurde auf den Palmblättern in Alt-Tamil, einer Sprache, die heutzutage nur von wenigen Eingeweihten beherrscht wird, bzw. in Sanskrit in eng geschriebenen Zeichen eingeritzt. Ein solches Palmblatt überdauert im Normalfall etwa 800 Jahre. Wenn es alt und brüchig geworden ist, fertigt man eine Abschrift des Textes auf einem neuen Palmblatt an.

Von der Urschrift sollen zwölf Kopien existieren, die in ebenso vielen Bibliotheken in ganz Indien bewahrt werden. Etwa 10 Prozent der Palmblätter enthalten Informationen über das Schicksal von Nicht-Indern.

Jeder, der erfahren möchte, was das Schicksal für ihn bereithält, muß sich jedoch selbst nach Indien in eine der Palmblattbibliotheken bemühen.

Meine Frau Annett und ich erfuhren von diesen rätselhaften Bibliotheken durch die Publikationen des Schriftstellers Holger Kersten. Da uns das Thema außerordentlich faszinierte, nahmen wir Kontakt zu Herrn Kersten auf, der auch so freundlich war, uns die Adressen von vier Palmblattbibliotheken zur Verfügung zu stellen. Nun wollten wir es genau wissen und machten uns an die Vorbereitung einer Reise nach Indien - dem Land der Märchen und Wunder, der Geheimnisse und ungelösten Rätsel. Waren die Berichte über die Palmblattbibliotheken auch nur Märchen aus Tausendundeiner Nacht des Orients, oder würde uns vor Ort ein kleines Wunder erwarten?

Am 7. August 1993 gegen 21.40 Uhr landete unser Air-India-Jet auf dem International Airport von Madras. Da sich alle uns bekannten Palmblattbibliotheken in Südindien befinden, hatten wir die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu als Ausgangsort unserer Exkursionen gewählt. Wir quartierten uns im Hotel Broadlands ein und hofften, recht bald in die Palmblattbibliothek des Nadi-Readers Sri Rami Gurup vordringen zu können. Doch der indische Alltag bremste ziemlich rasch unseren europäischen Eifer. Es stellte sich nämlich heraus, daß der Inhaber der Palmblattbibliothek verreist war und erst am 13. August zurückkehrte. Da wir recht skeptisch an die ganze Sache herangegangen waren, hatten wir darauf verzichtet, bereits telefonisch von Europa aus einen Termin mit dem Nadi-Reader zu vereinbaren und ließen auch nirgends etwas über den wirklichen Zweck unserer Reise verlauten. Mancher mag diese Vorsicht für übertrieben halten, doch wir wollten sicher sein, daß keinerlei Informationen über uns eingezogen und eventuell an die Palmblattbibliotheken weitergegeben wurden.

So meldeten wir uns auch erst am Abend des 13. August 1993 für den folgenden Tag telefonisch in der Palmblattbibliothek an. Das Gespräch führte Thomas Ritter, er nannte lediglich seinen Namen und bat um ein Nadi-Reading (so nennt man das Lesen des Palmblattes) für den 14. August 1993. Es wurde nicht erwähnt, daß wir zu zweit reisten. Das Nadi-Reading wurde für den kommenden Morgen 9.00 Uhr bewilligt. Nachdem wir uns am 14. August mit dem Scooter durch das morgendliche Gewühl im labyrinthischen Straßendschungel von Madras gekämpft hatten, erreichten wir nach einstündiger Fahrt die in East Tambaram, einem Vorort von Madras, gelegene Palmblattbibliothek. Dort stellte sich zunächst einmal heraus, daß Sri Rami Gurup nicht mehr unter dem Lebenden weilt - sein Nachfolger R. V. Ramani aber die Kunst des Nadi-Readings ebenso perfekt beherrscht, wie uns dies von seinem Vorgänger berichtet worden war. Sowohl für Annett als auch für Thomas Ritter wurde jeweils ein Nadi-Reading abgehalten, das pro Person etwa 50 Minuten dauerte. Basis des Nadi-Readings ist die Lehre vom Shuka-Nadi. Dabei steht „Shuka“ (zu deutsch „Papagei“) für göttliche Weisheit und „Nadi“ für einen bestimmten Augenblick der Zeit. Diese Lehre beruht auf der Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft jenseits unseres herkömmlichen Raum-Zeit-Begriffes. Darauf aufbauend, soll das Shuka-Nadi eine lebensberatende Funktion ausfüllen, das heißt, es soll helfen, die eigentliche Bestimmung seiner derzeitigen Inkarnation zu finden. In der Palmblattbibliothek von Mr. Ramani, die in ihrem Ursprung auf den Rishi Kakabujandra zurückgeht, lief nun das Nadi-Reading folgendermaßen ab: Als Ratsuchender gibt man zunächst seinen vollständigen Namen und sein Geburtsdatum an. Das Orakelhafte der Zeremonie beginnt spätestens in dem Augenblick, in dem der Besucher neun polierte Muscheln (gleich einem Würfelspiel) über einem Mandala werfen muß, daß in einen kleinen Teppich gestickt ist. Danach sucht der Nadi-Reader die im Zentrum des Mandalas liegenden Muscheln heraus. Ihre Zahl, verbunden mit den bereits genannten Daten, bildet die Information für das Auffinden des persönlichen Palmblattes unter Tausenden und Abertausenden von Palmblattmanuskripten. Mr. Ramani schaffte es in ralativ kurzer Zeit (ca. 5 bis 7 Minuten),“unsere“ Palmblätter herauszusuchen. Als des Tamil unkundigen Ausländern wurde uns noch ein ganz besonderer Service zuteil: Mr. Ramani (der übrigens zur Brahmanen-Kaste zählt und fließend Englisch sowie gebrochen Deutsch spricht) übersetzte die Texte des jeweiligen Palmblattes ins Englische und schrieb alles auf einen gesonderten Bogen Papier.

Nun hatten wir aber auch das Glück, ein Nadi-Reading für Einheimische erleben zu dürfen. Dabei übersetzte Mr. Ramani das Palmblatt nicht schriftlich, sondern las es den Anwesenden in einer Art Sprechgesang vor, wobei er den Inhalt der Texte aus dem Alt-Tamil in die heutige lokale Umgangssprache übertrug. Wir stellten fest, daß sich Mr. Ramani während dieser Zeremonie in eine Art Trance versetzte. Nun wird sich der Leser sicherlich zu Recht fragen, ob das Nadi-Reading tatsächlich exakte und nachvollziehbare Aussagen über die Vergangenheit eines Menschen und sein künftiges Schicksal liefert, oder ob wir einem indischen Märchen aufgesessen sind.

Unsere persönlichen Palmblätter jedenfalls enthielten überaus exakte Informationen und genaue Daten (beispielsweise das Datum jenes Tages, an dem wir uns kennengelernt hatten) über die Vergangenheit, teilweise sogar aus früheren Inkarnationen (!), bis hin zu unserer Zukunft sowie über sehr persönliche, ja intime Angelegenheiten, welche, soweit sie die Vergangenheit betreffen, auch überprüfbar waren und der Wahrheit entsprachen.

Eine Schönfärberei des persönlichen Schicksals erscheint in diesem Zusammenhang wenig wahrscheinlich, da das Nadi-Reading bei Mr. Ramani kostenlos ist. Er reagierte recht beleidigt, als wir im Vorfeld der Zeremonie auf die Bezahlung - das vorherige Aushandeln des Preises für eine Ware oder eine Dienstleistung ist in Indien üblich und erforderlich - zu sprechen kamen, denn Mr. Ramani betrachtet das Nadi-Reading als heiligen Auftrag.

Nach der Zeremonie waren wir von der Echtheit des Nadi-Readings zumindest in diesem Fall überzeugt. Wir hatten unseren Aufenthalt in der Palmblattbibliothek mit zahlreichen Fotos dokumentiert, hatten Tonbandmitschnitte angefertigt und waren im Besitz der englischen Übersetzungen unserer Palmblätter. Doch genügte das als Beweis? Wir glaubten dem Nadi-Reading des Mr. Ramani. Wer würde uns glauben? Es gab nur einen Beweis - die Palmblätter selbst. Und so wagten wir das Unmögliche; baten den Nadi-Reader um unsere Palmblätter; baten, sie mitnehmen zu dürfen nach Europa. Solch einer Bitte war - unseres Wissens - noch niemals stattgegeben wurden.

Und das Unglaubliche geschah. Mr. Ramani öffnete erneut die zu Bündeln zusammengeschnürten Palmblattmanuskripte, entnahm ihnen jene Palmblätter, welche unser Schicksal betrafen und übergab uns die beiden - für uns unschätzbar wertvollen - Palmblattmanuskripte.

Während wir diesen Artikel aufzeichnen, sind die Palmblätter wohlverwahrt. Anhand von Fotokopien der Manuskripte befaßten sich führende Spezialisten Europas für alt-tamilische Philologie mit der Transkription der Texte. Diese Übersetzung gestaltete sich jedoch bei weitem langwieriger und komplizierter als angenommen - dennoch wurde uns im Ergebnis mitgeteilt, daß es sich bei den Manuskripten in der Tat um unsere persönlichen Lebensläufe handelt, in denen unsere Namen und andere personenbezogene Daten enthalten sind, und die den Verlauf unseres Lebens detailliert beschreiben.

Ferner nahm das Kernforschungszentrum Rossendorf/Sachsen unabhängig von den Ergebnissen der Übersetzung eine Altersbestimmung der Palmblätter mittels C-14-Analyse vor. Diese Analyse ergab, daß die untersuchten Palmblätter älter als 350 Jahre sind. Mit aller gebotenen Vorsicht möchten wir dies als einen Beweis dafür werten, daß zumindest vor 350 Jahren jemand unsere Lebensläufe jedenfalls insoweit kannte, als er sie von einem älteren Manuskript kopierte.

Trotz unseres Erfolges in Madras blieben wir skeptisch. Um den Wahrheitsgehalt des Nadi-Readings zu überprüfen, suchten wir eine weitere Palmblattbibliothek in Bangalore, im indischen Bundesstaat Karnataka auf. Dabei stellten wir fest, daß der Inhaber der Palmblattbibliothek, Mr. Gunjur Sachidananda Murthy, nach einem strengen Terminplan arbeitet. Auch sein Büro wirkte durchaus professionell. So war es uns damals trotz mehrmaliger Anfragen nicht möglich, einen Termin für ein Nadi-Reading zu erhalten, da der Kalender von Mr. Sachidananda bereits vollständig ausgebucht war. In diesem Zusammenhang erscheint besonders erwähnenswert, daß die Palmblattbibliothek in Bangalore stärker von Personen aus Europa und Fernost frequentiert wird, weniger von Indern. Dies ist jedoch kein Maßstab für die Qualität der abgehaltenen Readings, wie wir auf unserer 2. Indienreise im Juli 1995 erfahren durften.

Zur Anmeldung für ein Nadi-Reading gehört in Bangalore, daß der Ratsuchende einen Fragebogen ausfüllen muß, in dem u.a. nach vollständigem Namen, Adresse, Telefon- und Faxnummer sowie Geburtstag, -stunde, -minute, -sekunde sogar, Geburtsort (mit Angabe von genauem Längen- und Breitengrad), Sternzeichen, Aszendent sowie sämtlichen Daten über Eltern, Geschwister, Ehepartner und Kinder gefragt wird. Eigentlich waren wir nach unserem Erfahrungen in Madras der Meinung, daß derartige Angaben in den Palmblättern enthalten sind.

Jedoch handelt es sich bei dem System, das Mr. Gunjur Sachidananda anwendet, lediglich um eine andere Art des Zugriffs auf dieselbe „Datenbank“. Das Palmblatt wird in Bangalore nach seinem Auffinden ebenso dem Ratsuchenden vorgelesen, wie dies in Madras geschieht - jedoch mit dem Unterschied, daß Mr. Sachidananda den Text sofort ins Englische übersetzt und es dem Klienten freigestellt ist, die für ihn wichtigen Punkte selbst zu notieren oder aber das Reading auf Kassette aufzuzeichnen.

Die Lesung des Palmblattes untergliedert sich in mehrere Punkte: Nach einer Einleitung, in welcher die astrologischen Daten des Klienten unter Verwendung des hinduistischen Kalenders dargelegt werden, berichtet Mr. Sachidananda anhand des Palmblattes zunächst von der Vergangenheit seines Klienten in diesem Leben. Sind die mitgeteilten Fakten durch Rückfragen überprüft und stimmen mit der Realität überein, werden die charakterlichen Eigenschaften, Talente und Fähigkeiten des Klienten erläutert sowie die Aufgaben, welche sich daraus ergeben und für die Gestaltung der Zukunft des Ratsuchenden wichtig sind. Das künftige Leben des Klienten wird in Abschnitten von jeweils zwei bis drei Jahren bis hin zum Todestag geschildert und erläutert.

Im Zusammenhang damit werden auch mindestens vier frühere leben des Klienten besprochen, aus welchen bestimmte Erfahrungen und Ereignisse in die jetzige Inkarnation hinein wirken. Dieser Abschnitt des Readings dient vor allem dazu, noch unbewußte, brachliegende Fähigkeiten, die bereits in früheren Leben erworben wurden, für die Aufgaben in dieser Inkarnation nutzbar zu machen. Ein weiteres Kapitel des Nadi-Readings ist der gesundheitlichen Verfassung des Klienten sowohl in psychischer als auch in physischer Hinsicht gewidmet. Hier werden auch die Gegenmittel (etwa bestimmte Meditations- und Yogatechniken oder Medizin der Ayurveda) zur Behebung bestehender oder künftig auftretender gesundheitlicher Probleme genannt.

Danach wird noch einmal gesondert die Thematik Partnerschaft und Familie mit allen positiven und auch weniger günstigen Aspekten besprochen. Zum Abschluß des Nadi-Readings erhält jeder Klient sein ganz persönliches Mantra, welches er immer dann sprechen soll, wenn er in Situationen gerät, welche die ganze Kraft der Persönlichkeit erfordern.

Die Texte unserer Palmblätter in den Bibliotheken von Madras und Bangalore stimmten in ihrem Aussagen nicht nur überein, sondern korrespondierten vielmehr miteinander, in dem Sinn, daß die Aussagen des Nadi-Readings in Bangalore jene von Madras ergänzten und umgekehrt.

Die Palmblattbibliothek von Bangalore befindet sich schon geraume Zeit im Besitz der Familie Sachidananda, soll in Ihrem Ursprung jedoch auf den Rishi Baghawan Sri Shuka Maharshi, einen Gefährten Brighus, zurückgehen. Die Tätigkeit des Nadi - Readers übte in den letzten Jahrzehnten zunächst der Vater Mr. Sachidanandas aus, nach dessen Tod sein älterer Bruder, der allerdings bereits im Alter von nur 39 Jahren verstarb, und nunmehr Gunjur Sachidananda selbst.

Selbstverständlich baten wir auch in dieser Bibliothek um Palmblätter, leider aber ohne Erfolg. Uns wurde beschieden, daß es nicht üblich sei, Besuchern „ihre“ ganz persönlichen Palmblätter zu überreichen. Diese Praxis ist dadurch bedingt, daß die Palmblätter eines Bündels in der Bibliothek von Bangalore fortlaufend beschrieben sind, so daß sich die Lebensläufe der Klienten auf zwei, drei oder mehr Palmblätter verteilen. So blieben uns nur einige Fotos der Palmblätter, wobei wir feststellten, daß auf diesen Blättern weitaus weniger Schriftzeichen eingeritzt waren als auf den Palmblättern aus Madras. Außerdem erschienen die Schriftzeichen ungelenker - dies mag möglicherweise seine Ursache darin haben, daß die Palmblätter von Bangalore letztmalig vor etwa achtzig Jahren kopiert wurden - zu einer Zeit also, als das Alt-Tamil bereits eine (fast) tote Sprache war.

Auf unserer 2. Indienreise im Juli 1995 suchten wir auch noch die weniger bekannte Palmblattbibliothek von Mr. Balasubramaniam in Kanchipuram auf. Der Meister selbst weilte zwar nicht in der Stadt, seine Assistenten aber wußten nicht nur von der interessanten Geschichte der Palmblattbibliotheken zu berichten, sondern waren auch bereit, gegen einen Obolus von 1000 Rupien (etwa 50 Mark) pro Person ein Nadi-Reading für uns abzuhalten.

Die Palmblattbibliothek von Kanchipuram gehört wohl zu den ältesten ihrer Art und wird traditionell geführt. Die künftigen Nadi-Reader leben und arbeiten wie Familienmitglieder im Hause des Meisters und werden von diesem im Lauf von mehreren Jahren in der Kunst des Nadi-Readings unterwiesen. Fühlt der Meister seinen Tod nahen, so bestimmt er einen Nachfolger, welcher dann die Leitung der Bibliothek und die weitere Ausbildung der übrigen Schüler unternimmt. Siddharta, unser Nadi-Reader, berichtete, daß er schon mehr als ein Dutzend Jahre bei Mr. Balasubramaniam lebt. Seit acht Jahren praktiziert er das Lesen der Palmblätter selbst, anfangs noch im Beisein und unter Anleitung des Meisters, inzwischen arbeitet er selbständig. Dennoch ist die Interpretation der alten Texte ein ständiger Lernprozess, nicht nur für den Ratsuchenden, der hier Auskunft über sein Schicksal erhält, sondern auch für den Nadi-Reader, der seine Fähigkeiten von Reading zu Reading ständig vervollkommnet, um einst die Meisterschaft und damit auch Moksha (Erlösung) erlangen zu können.

Die Kunst des Nadi-Readings ist wohl bereits seit Jahrtausenden fest in die Hindu-Religion integriert. So waren die Palmblätter in Kanchipuram, welche Auskunft über unser Schicksal gaben, ca. 700 Jahre alt. Die Bibliothek selbst soll ein noch höheres Alter haben. Eine genaue Jahreszahl erfuhren wir nicht, jedoch versicherte man uns, die Bibliothek sei mindestens so alt wie der Vishnu geweihte Vaikunthanatha-Tempel in Kanchipuram. Dieser Tempel wurde bereits um das Jahr 800 n. Chr. Fertiggestellt. Als Zentrum der Kunst des Shuka-Nadi galt ursprünglich die alte Stadt Trichy. Dort soll auch der erleuchtete Rishi Agasthya, welcher auch als Bringer der tamilischen Sprache gilt, mittels einer eigens dafür geschaffenen Schriftsprache die Urtexte jener Palmblätter angefertigt haben, deren Kopien in Kanchipuram für die Ratsuchenden bereitliegen. Mr. Balasubramaniams Assistent versicherte uns, daß heute in der Bibliothek die Lebensläufe von etwa 500000 Menschen aufbewahrt werden. In späteren Zeiten verlagerte sich das Zentrum des Shuka-Nadi von Trichy nach Vaithisvarankoil, da sich dieser Ort mehr und mehr zum spirituellen Zentrum der Region entwickelte. So wird auch das Nadi-Reading in Kanchipuram in der Tradition des Shuka-Nadi von Vaithisvarankoil abgehalten.

Zum Auffinden des persönlichen Palmblattes werden in Kanchipuram der erste Buchstaben des Vornamens, das Geburtsdatum und der Abdruck des rechten Daumens des Klienten benötigt. Das Auffinden des Palmblattes gestaltete sich dann etwas zeitaufwendig. Es geschieht in einer Art von Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Klienten. Dies bedeutet, daß der Nadi-Reader verschiedene Palmblätter anliest, und sich dann durch Rückfragen vergewissert, ob die angegebenen Daten, die sich sämtlich auf die Vergangenheit bzw. die momentanen Lebensumstände des Ratsuchenden beziehen, mit der Realität übereinstimmen. Dabei geht es vor allem darum, die Namen der Eltern des Klienten und ihr Alter im Zeitpunkt des Nadi-Readings zu verifizieren. Ist die geschehen, so schreibt der Nadi-Reader den Text des Palmblattes in ein speziell dafür vorgesehenes Heft. Anschließend wird das Geschriebene laut vorgelesen und per Kassette mitgeschnitten. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß in der Palmblattbibliothek von Kanchipuram nur Tamil gesprochen wird. Der ausländische Klient muss sich also vor seinem Besuch einen Dolmetscher besorgen, der die Übersetzung der texte zumindest ins Englische besorgt. Auch die Aussagen der Palmblätter in Kanchipuram waren sehr exakt und stimmten mit denen aus Madras und Bangalore überein, wobei natürlich nicht eine buchstäbliche sondern sinngemäße Identität gemeint ist.

Im Gegensatz zu den anderen beiden Bibliotheken sind in Kanchipuram mehrere - um genau zu sein, insgesamt 12 - Nadi-Readings möglich und teilweise wohl auch erforderlich. Während der ersten Lesung erhält der Klient eine Gesamtschau seines bisherigen und künftigen Lebens bis hin zum Zeitpunkt des Todes. In den folgenden „Kapiteln“, die teilweise erst nach einem zeitlichen Abstand erfragt werden können, wird dann detailliert auf einzelne Lebensbereiche - so etwa Ausbildung, Beruf, Karriere oder Liebe, Partnerschaft, Familie - und die spirituellen Entwicklung eingegangen.

Eigentlich hatten wir noch vor, eine weitere, bereits aus diversen Publikationen bekannte Palmblattbibliothek in Vaithisvarankoil, einem Dorf südlich von Pondycherry, aufzusuchen. Doch aus organisatorischen Gründen blieb uns nichts anderes übrig, als auf den Abstecher nach Vaithisvarankoil zu verzichten. Zwischenzeitlich stellte sich jedoch heraus, daß dies ein so großer Verlust gar nicht war. Nach Berichten etlicher Reisender, die uns vorliegen, wendet der dortige Nadi-Reader Poosa Muthu manchmal recht unseriöse Praktiken an, um sich auf Kosten der ausländischen Reisenden zu bereichern. So wurden beispielsweise einer Gruppe Touristen aus Berlin pro Person 1250 Mark für eine Zeremonie berechnet, welche dann auf Grund geschickter Verzögerungstaktik noch nicht einmal zu Ende geführt wurde.

Beschäftigt man sich intensiver mit der Problematik der Palmblattbibliotheken, so stellt sich früher oder später unweigerlich die Frage nach dem Zweck dieser Archive: Wozu schrieben Brighu, Kakabujandra, Sri Shuka Maharshi, Agasthya und die anderen Rishis die Lebensläufe all dieser Menschen nieder? Gemäß den Aussagen der Nadi-Reader wurden die Palmblattbibliotheken geschaffen, um das Schicksal bestimmter Menschen zu bestimmten Zeiten besser gestalten zu können. Dies bedeutet allerdings nicht, daß sich das vorgezeichnete Schicksal (sofern man dies akzeptiert) eines Menschen anwenden läßt, sondern daß es mit den richtigen Informationen und dem daraus resultierenden Verhalten günstiger arrangiert werden kann.

Doch dies betrifft nicht nur das Schicksal des einzelnen, sondern auch das ganzer Nationen oder der Völkerschaften eines Kontinents. Im November 1998 wurde uns in Mahabalipuram ein komplettes Palmblattmanuskript aus dem Nachlaß eines kürzlich verstorbenen Pandits - so werden in Indien die Schriftgelehrten genannt - übergeben. Das Manuskript umfaßt 104 doppelseitig beschriebene Palmblätter, auf denen die Geschichte und die Zukunft Europas, insbesondere der mitteleuropäischen Nationen, verzeichnet sein soll.

Wir hoffen, mit Unterstützung der Wissenschaftler, die uns bereits einmal so tüchtig geholfen haben, in absehbarer Zeit die Übersetzung des umfangreichen Textes auf den Palmblättern abgeschlossen zu haben, dann wird sich zeigen, welche Entwicklungen die Zukunft für uns Europäer bereithält.

Es steht fest, daß trotz der Geschäftemacherei in Vaithisvarankoil echtes, unverfälschtes Nadi-Reading - wie auch von Mr. Ramani in Madras, Gunjur Sachidananda in Bangalore oder Mr. Balasubramaniam und seinen Assistenten in Kanchipuram betrieben - noch existiert, wenn auch diese Fähigkeit in Anbetracht der momentanen Entwicklung möglicherweise nach und nach verloren gehen wird. Dennoch oder gerade deshalb ist fraglich, welchen Einfluß die Existenz der Palmblattbibliotheken auf unser Weltbild haben kann. Wenn es möglich ist, daß jemand vor fast 7.000 Jahren voraussehen konnte, daß wir im August 1993 und im Juli 1995 nach Indien reisen und in ganz bestimmten Palmblattbibliotheken nach unserem Schicksal fragen würden; wenn dieser Jemand unsere Lebensläufe im Detail bereits damals kannte, dann müssen wir wohl unsere gängige Vorstellung vom Begriff „Zeit“ vollständig revidieren. Dann gäbe es in der Tat kein Gestern, kein Heute und kein Morgen, wären Vergangenheit und Zukunft eins. Dann wäre die „Gleichzeitigkeit“ von Ereignissen und Prozessen das beherrschende Prinzip des Universums.

Dann könnten wir tatsächlich von „Erinnerungen an die Zukunft“ sprechen ...